AdresslisteKontaktSuche
Pilgerweg Bielersee

Kein Einbruch, aber ein Einschnitt

Mit der Pensionierung von Pfarrerin Brigitte Affolter wird in doppeltem Sinne eine Aera zu Ende gehen. In erster Linie wird sie selber fehlen – ihre Präsenz, ihre Kompetenz, ihr Charme. Aber gleichzeitig wird auch die bisher grosszügige Ausstattung an Pfarrstellenprozenten ihr Ende erreichen. Das ist zuerst einmal eine Veränderung auf dem Papier – aber es wäre ja merkwürdig, wenn sie nicht auch schmerzhaft spürbar wäre da und dort.

Über viele Jahre, seit 2007, sind vorerst unsere beiden kleinen, dann unsere ein wenig grössere und immer noch kleine fusionierte Kirchgemeinde von den Sparfluten in der Pfarrstellenbewirtschaftung verschont geblieben. 2007 konnte Ligerz dank der Beauftragung der Pastoration für deutschsprachige Kirchenmitglieder in La Neuveville und auf dem Plateau de Diesse 20 Stellenprozente dazu gewinnen und damit mit Twann-Tüscherz gleichziehen. Im Zuge der Fusion beider Gemeinden gab es staatlicherseits zwar keine finanzielle Unterstützung für den eigentlichen Fusionsprozess, aber als Alternative wurde der frisch gebackenen Kirchgemeinde Pilgerweg Bielersee die Beibehaltung ihrer Pfarrstellenprozente bis Ende 2018 zugesagt. Und weil Brigitte Affolter nur gerade drei Monate später ihr Pensionsalter erreichte, wurde die Frist bis Ende März 2019 verlängert.

Nun aber ist die Reduktion unabwendbar geworden. Die bisher sehr grosszügige Pfarrstellensituation nähert sich in der Tendenz den kleinen Nachbargemeinden ännet des Sees an. Und gleichzeitig profitiert die Gemeinde immer noch vom Berechnungsschüssel des Staates: Wo für die Pfarrpersonen lange Wege zurückzulegen und wo mehrere Kirchengebäude mit Leben zu füllen sind, wird über den Faktor der sogenannten Seelenzahl hinaus unterstützt. Und weil die Arbeit für deutschsprachige Kirchenmitglieder bei den französischsprachigen Nachbarn immer noch Teil der Pfarramtsaufgaben bildet, kann die Gemeinde mit 120 Stellenprozenten weiter fahren – 100 für die Gemeinde, 20 für Aufgaben über die Gemeindegrenzen hinaus.

Die Reduktion wird und muss spürbar werden. Pfarramtliche Arbeit ist nur zum Teil sichtbar; vieles und wichtiges wird im Verborgenen, in vertraulichen Gesprächen, in grösseren und kleinen Beziehungsnetzen geleistet. Der Abbau auf der Bühnenseite ist längst eingeleitet worden: die weit herum wahrgenommene und geschätzte «Musik aus der Stille» hat im August 2018 ihre vorläufige Dernière erlebt, das florierende KirchenKino ist nicht nur physisch, sondern auch finanziell und technisch ins Engel Haus umgezogen (allerdings ist mit Verena Jenzer immer noch eine Vertreterin der Kirchgemeinde Kopf der Reihe), die Reihe für ältere Menschen ist mit Blick auf das vielfältige Engagement von Vereinen und Einzelpersonen in den politischen Gemeinden reduziert worden, das VollmondSingen ist vom Ligerzer Unikum zum Wanderanlass rund um das obere Seebecken geworden. – Das und mehr wird sich dem Veranstaltungskalender entnehmen lassen. Nicht auf den ersten Blick sichtbar ist der enorme Kraft-, Zeit- und Kompetenzrückgang im Bereich der Seelsorge, des Gesprächs. Brigitte Affolter hat hier qualitative und quantitative Massstäbe gesetzt, die nicht gehalten werden können. Das heisst aber auch: für das neue und reduziert ausgestattete Pfarrteam wird es wichtig sein, dass Menschen auch von sich aus das Gespräch suchen, wenn sie das brauchen und wünschen. Es ist eine Eigenheit der Seelsorge und der Gesprächskultur nicht nur hier: Moderne Zeiten drohen aus Pfarrpersonen kleine Kirchenmanager werden zu lassen, die dann und wann den Weg, der vom Schreibtisch weg zu den Menschen führt, verpassen, verschlafen – oder eben verarbeiten. Weniger Pfarrkräfte zu haben heisst für eine Kirchgemeinde, das Heft stärker in die Hand zu nehmen – als Führungsverantwortliche im Rat, aber auch als einzelne Mitglieder und Zugewandte.

Pfarrer Marc van Wijnkoop Lüthi wird bei diesem Übergang vermutlich die personelle Konstante sein. Von April bis September 2019 wird Sigrid Wübker aus Burgdorf eine zeitlich beschränkte Vertretung von 20 Stellenprozenten übernehmen und vor allem in Gemeindegottesdiensten und bei allfälligen Beerdigungen zu hören, zu sehen und zu sprechen sein. Ab Oktober 2019 tritt dann die neu gewählte Pfarrerin der Kirchgemeinde, Corinne Kurz aus Biel, ihre Arbeit an. Sie absolviert derzeit ihr Lernvikariat in der Kirchgemeinde Ittigen, findet aber bereits jetzt schon Zeit dafür, um mit ihrem Kollegen das «Pfarramt 2019» einzufädeln.

Dreifach gute Wünsche also: Brigitte Affolter für den Schritt in eine neue Lebensphase, Sigrid Wübker für ihr Auftauchen am See, Corinne Kurz für den Endspurt in ihrer Ausbildungszeit!


Vision Kirche 21 - Gemeinsam Zukunft gestalten