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Pilgerweg Bielersee

Lema VI in der Kirche Ligerz – eine besondere Karfreitagsfeier

2014 hat in der Kirche Ligerz ein siebenjähriger Karfreitagszyklus begonnen, der jedes Jahr eine Randfigur aus den biblischen Passionsgeschichten umkreist. Fred Bauer hat sieben Portraits geschaffen, die jedes Jahr als einzelnes Original und als jährlich wachsende Kreuzinstallation im Chorbogen der Kirche zu sehen sind. Die Berner Komponistin Gabrielle Brunner schreibt jedes Jahr ein Werk für ein Streichinstrument zur entsprechenden Gestalt. Im Rahmen der liturgischen Feier vom Karfreitag Nachmittag werden Kunst und Liturgie zur Feier gebündelt. Heuer zeigen Bild, Musik und Worte Simon – den Ausländer, der bei der Kreuzigung das Fett eines Migranten abbekam. Diese Geschichte ist nicht vorbei.

Von Evangelien spricht man landläufig in der Vierzahl – wie die vier Himmelsrichtungen, wie die vier Elemente sollen sie das Ganze abbilden. Bei näherem Hinsehen gibt es gelegentlich kleine, gelegentlich gewaltige Unterschiede. Ein solcher Unterschied trennt die drei sogenannten «Synoptiker» Matthäus, Markus und Lukas vom hochfliegenden Johannes. Bei letzterem wird unterstrichen, dass Jesus sein Kreuz «selber» getragen habe (Joh 19,17). Dieser merkwürdige Hinweis markiert eine bewusste Distanzierung – bei den drei anderen und vermutlich älteren Evangelien hat der soldatische Mob sich einen Passanten geschnappt, um ihn mitleiden zu lassen – keinen beliebigen, sondern einen «Unterhund» dunklerer Hautfarbe und fremder Herkunft.

Die Feier steigt deshalb von den Konventionen der Frömmigkeit – Simon ist in unzähligen katholischen Kirchen zu sehen an der fünften der 14 Kreuzwegstationen – durch die Krypta der Nachdenklichkeit – hatte Kurt Marti recht mit seiner Kurzformel «Wir zimmern die Kreuze, die Neger tragen sie»? – hinab in die Untiefen von Verachtung und Rassismus. Fragt sich, ob man mit einem oder zwei Hallelujah («Gelobt sei Gott»!) von dort her so rasch wieder in die Gegenwart finden, sich mit einem Amen auf die frommen Schultern klopfen und schon mal das Osterlamm marinieren kann.

In diesem Jahr wird die junge ukrainische Geigerin Valeriya Kurylchuk sich des Werks von Gabrielle Brunner annehmen. Sie hat im vergangenen Jahr den Wettbewerb um diese Uraufführung vor einer Jury unter anderem mit der Komponistin Brunner und der Geigenprofessorin Eva Zurbrügg gewonnen. Die Musik geht einen dritten Weg zwischen Heiterkeit und Publikumsbeschimpfung, und die kleine Kirchgemeinde Pilgerweg Bielersee weiss das unterdessen auch zu schätzen: Die Musik von Gabrielle Brunner zeichnet mit unvertrauten Klängen die Furchen nach, die Fred Bauer dem Bildnis gegeben hat, jenseits von Lieblichkeit und Tünche.

Die Feier findet wie üblich nachmittags um 15.15 Uhr in der Kirche Ligerz statt, zur um der Anreisen wegen um eine Viertelstunde korrigierten Stunde des Todes Jesu. Und anstatt dem weitherum üblichen Karfreitagspomp reformierter Kirchen, die an Abendmahl und Hochfestruch festhalten, wird lediglich die Totenglocke zur Feier rufen. Mehr sollte nicht sein an diesem Tag und für seinen «Löu im Umzug», den Kreuzträger Simon.


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