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Mal wieder brüllen (18. Januar 2014)

Ein Januarsonnennachmittag in der Stadt, ich verspaziere meine Pause und denke nichts Böses. Auf tritt eine Grossmutter, das kleine Mädchen an der Hand; der grössere Junge geht voraus. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, von innen heraus, brüllt der Junge, brüllt mich, den Passanten, an, nein, brüllt durch mich hindurch. Und brüllt nochmals und nochmals. Ich bin Luft für ihn – ihn interessiert nur, wie sein Gebrüll die Welt weitet. Und hinter ihm die Grossmutter, halb verlegen und halb belustigt, an ihrer Hand die Kleine, die auch ein bisschen mitbrüllt, probeweise vielleicht.

Brüllen ist unfein. Von Jesus, dem Bruder und Meister, ist wenig Gebrüll überliefert, und die Bilderflut, die seit langem Kirchen, Museen und Souvenirstände füllt, zeigt ihn kaum als Schreihals (der Maler Max Ernst, der Maria das Jesuskind verhauen lässt, macht eine Ausnahme). Aber einmal, da legt er los – als er beim Besuch des Tempel vor lauter Ablasshändlern und Bankomaten den Sinn der Sache nicht mehr erkennt. Mit einer Peitsche verjagt er Parasiten, wirft Tische um, gibt den Satz von sich, aus dem Bethaus sei eine Räuberhöhle geworden … Der Evangelist Johannes lässt ihn „sprechen“ – ich höre ihn, gegen den Bibeltext, brüllen.

Der kleine Junge beim Park war ganz vergnügt in seiner Brüllerei – keine Spur von Wut, nur Kraft war da zu spüren. Und Jesus, der Störefried? Er wird nicht blind, aber stark vor Wut, sie treibt ihn an und voran, Tauben flattern auf, Touristen schauen bestürzt, die Schadensbilanz ist beträchtlich und sein Verhalten illegal. Wer Johannes liest, entdeckt diese Geschichte fast am Anfang, bekommt es früh zu tun mit einem, der explodieren kann.

Mein eigener Kragen ist da von feinerer Art. Ich brülle selten herum, wahre meist Anstand, Fassung und Fassade. Und werde ich wütend, gibt’s Stau gegen innen, werden Muskeln lahm und Atemzüge flach. Wut mache ich mit mir selber aus. Lärm oder ein Faustschlag auf den Tisch (es muss ja nicht in Schaufensterscheiben oder Ohrfeigengesichter sein) wären unfein, ich müsste mich schämen vor allen anderen und vor allem vor mir selber. –

Müsste ich? Müsste ich wirklich? Ich durfte ein paar Mal, in abgesichertem Modus und mit einer kundigen Seelenbegleiterin, wütend werden, ohne Folgeschäden gegen aussen und Schämdi gegen innen. Das war gut, wissen Sie! Es war jedenfalls gescheiter, als die Wut weg zu argumentieren oder den eigenen inneren Garten veröden zu sehen. Gebrüllt hatte ich zwar nicht, aber ich fühlte Kraft in den Muskeln und Luft in den Lungen. Und einem, der mir das Leben schwer gemacht hatte zuvor, dem habe ich’s gegeben, nur in der Phantasie, aber mit Anlauf sozusagen. – Als ich ihn das nächste Mal tatsächlich traf (jajaja: freundlich, einkaufsstrassenkonform), realisierte ich, dass kein Kragen mehr platzen musste und konnte. Das innere Gewitter war vorüber, und ich konnte atmen.

Auch der Junge atmete frei, sein Schwesterchen tat erste Schrittchen. Jesus hatte seinen Wutanfall früh erlebt, hatte Chuzpe, Schnurre gezeigt. Sein Einstand in der Öffentlichkeit war wünschenswert deutlich, und wer ihn verhimmelt unter Ausblendung seines Wutanfalls, könnte möglicherweise einer Ikone verfallen, anstatt mit einem besonders kräftigen Kind Gottes unterwegs zu sein. Ungeplatzte Kragen sind schädlich (vielleicht deshalb meine störrische Weigerung, Krawatten zu tragen?), lassen innere Gärten veröden und machen Gesichter fahl und bitter. Mal wieder brüllen?

 


 

 

Logo-Quiz (16. Februar 2014)

Spielen Sie zufällig gerade Logo-Quiz? Nein? Dann sind Sie wohl über 30 Jahre alt oder / und seriös oder / und der Akku Ihres Handys ist leer. Logoquiz ist eine der Spielformen, die uns der universale Elektroniksprühregen in die Tastenhände spielt: Logos von Firmen, Marken, Brands sind zu erkennen und zu benennen. Die Sache wird von Level zu Level schwieriger – nicht weil zuerst ein Erdölmulti und später dann der Dorfladen zu erraten wäre, sondern weil Bildausschnitte kleiner werden. - Ab und zu weiss (m)ein Kind nicht mehr weiter. Dann nenne ich vielleicht die Firma, will noch einen Satz anhängen über deren Produkte oder Arbeitsethik oder Umweltverträglichkeit … Doch richtig: keine Zeit, das nächste Logo lockt.

Die Welt ist zur Werbeplattform geworden, und wir Kunden sind das Ziel. Uns gilt es zu gewinnen, unser Kauf ist wichtiger als das Produkt. Und manche übernehmen bereitwillig dieses Zentraldogma der Gegenwart: Entscheidend ist nicht die Handtasche, sondern das Label, nicht die transparente Produktion eines Handys, sondern das Obst darauf. Die mondäne Karosse tut ihren Dienst bereits, wenn sie auf dem Parkplatz steht und ihren Glanz auf den Besitzer fallen lässt. Auch Selbstgeschossenes hat eine Tendenz: Ja, ich war da! Ist der Bolschoj-Palast in Sotschi handygraphiert, brauchen uns die Schicksale des Bauarbeiters Kolobov und der Umweltaktivistin Dragan nicht mehr zu kümmern. Logo vor Inhalt, Hülle vor Herz – auch regional. Das Kirchlein ob Ligerz wird häufiger photographiert als besucht.

Logos, Symbole und Bilder helfen uns die amorphe Vielfalt der Gegenwart zu strukturieren. Wir können rascher entscheiden, worauf wir achten und was wir beiseite lassen wollen. Gleichzeitig halten sie von Begegnungen ab. Es reicht, eine Sache schubladisiert zu haben. – Kennenlernen hingegen gäbe zu tun: anklopfen, eintreten, grüssen, fragen, nachdenken, streiten, handeln, teilen, verantworten, gestalten.

Kirchen spielen mit im Werbezirkus. Längst ist es üblich, das eigene Profil anhand von Milieustudien zu schärfen: Für wen können wir da sein? Wo sind wir stärker als die Konkurrenz? Was sind die Megatrends von übermorgen? Kirchliche Teppichetagen orientieren sich an Kennziffern und bearbeiten die Hülle, überhören gelegentlich den eigenen Herzschlag. – Herzschlag? Da war einmal einer unterwegs und fragte seine Freunde: He, was meinen die Leute eigentlich, wer ich sei? Ein wiedererstandener Prophet aus alter Zeit, vielleicht Elia oder Jeremia, meinten sie. Aber ihr, was denkt ihr über mich? Du bist der, auf den wir warten, damit die Liebe die Welt erschüttert – du bist der Messias, der Gesalbte! – Einer hatte das Logo benannt. Und die Symbolbilder sind erkennbar bis heute: Der Mann am Kreuz. Der Thronende mit Heiligenschein und Segensgeste. Der langhaarige Mittelalterguru mit Mittelscheitel und Waschbrettbauch.

Das Logo trägt. Das Kreuz ist eindeutig, durchzieht (noch) unsere Lebenswelten vom Staatswappen bis zu Grabsteinen und Zeitungsberichte von Austrittszahlen bis zu Kindsmissbrauch. Und Jesus? Taucht mitunter mit Krippenbilderlächeln im Weihnachtsrummel auf. An Ostern hat ihn der Hase abgelöst.

Aber ihr, was denkt ihr über ihn, den Gefährten aus Nazareth? Spielen wir Quiz, geht es rassig: Zentralgestalt des Christentums – zack und richtig. Wir könnten auch weitergehen, von der Hülle zum Herz: anklopfen, eintreten, grüssen, fragen, nachdenken, streiten, handeln, teilen, verantworten, gestalten.

 


 

 

Rote Linie (16. März 2014)

Seinen farbigen (Regen)bogen stellt Gott in die Wolken. - In der Kirche von Twann findet sich seit langem ein Bild mit einer roten Linie. - Vor kurzem hat der schweizerische Souverän eine rote Linie gezogen.

Falls Sie in Twann zu Gast oder zuhause sind, besuchen Sie doch die Kirche. Dort hat um 1980 herum der Solothurner Künstler Max Brunner einen zehnteiligen Glasfensterzyklus geschaffen, erinnert in einfachen Bildern an die lange Geschichte Gottes mit den Menschen, der Menschen mit Gott – eine moderne Armenbibel in Glas, Eintritt frei, auch sonntags. Auf dem zweiten Fenster sind zu sehen Noah, der profilarme Umsetzer Gottes, seine Arche, eine Handvoll Tiere, dann der Regenbogen, den Gott in die Wolken gesetzt hat als Selbsterinnerung daran, die Welt nie mehr fallen zu lassen. „Versöhnungsfenster“ wird es genannt.

Die Arche ist von grösstmöglicher Einfachheit: Eine rote Linie in Form eines U, links eingezogen, um das Dach anzuzeigen. Sie ist das Gegenteil eines Luxusdampfers auf Vergnügungsfahrt – Scheidung zwischen dem Tod der einen, die draussen bleiben, und der Flucht der anderen, die ihre Umwelt tatenlos untergehen lassen. Sie bildet, obwohl rot, ein schwarzweisses Bild der Urzeit ab: die einen sind böse, die anderen sind in Ordnung.

Rechts aber endet das U nicht im Leeren. Die rote Linie zieht sich weiter, rundet sich in den Himmel hinein – und wird zum Teil des vielfarbigen Regenbogens. Das Schweizerwappenrot der Arche verbindet sich mit dem Orange der buddhistischen Mönche, dem Gelb der Tigerstaaten, dem Grün der Auferstehung, dem Blau der EU, dem Violett des Epilepsiegedenktags.

Merkwürdig, dass Menschen heute immer noch rote Linien ziehen können. Im Mittelalter war das noch ein probates Mittel: Wer konnte, schuf sich nötigenfalls räumliche Distanz zu den pestgeplagten Städten und zog zum Zeitvertrieb aufs Land. Und Pfarrer verkündeten die Gute Nachricht von schmalen Pestkanzeln herab, um den Kranken und Sterbenden nicht leibhaftig begegnen zu müssen. Aber heute? Man strebt nach russischen Medaillen und schlägt den Bericht über Kinderarbeiter in den Goldminen Tansanias gar nicht erst auf? Man reist nach Ägypten und ärgert sich, wenn blutige Innenpolitik den eigenen Flugplan tangiert? Man begrenzt auf der schweizerischen Bühne die Zuwanderung und lässt im chinesischen Hinterzimmer kostengünstig und fairnessfrei produzieren?

Was ist, ganz grundsätzlich und mit Blick auf den Regenbogen, eigentlich Grundordnung des Lebens: der Blutkreislauf oder der Atemkreislauf? Wählen wir Blut, so wählen wir den Blickwinkel des Individuums, des Einzelnen, des Clans, denken in abgeschlossenen Körpern, in Gefässen, in definierten Verbindungen, in reisepassfähigen Unterscheidungskriterien, verstehen Überleben als Teil einer Auseinandersetzung zwischen Innen und Aussen. Wählen wir Atem, wissen wir mit Gewissheit um die bedingungslose Verbundenheit von allem, was lebt. Wir atmen Staub aus der Sahara, Radioaktivität aus Tschernobyl, den Duft aus dem Suppentopf der Nachbarin. Wir stehensitzenliegengehen neben der Wildfremden und atmen einausdurchauf.

Vor kurzem hat der schweizerische Souverän eine rote Linie gezogen. In der Kirche von Twann findet sich seit langem ein Bild mit einer roten Linie. Seinen farbigen (Regen)bogen stellt Gott in die Wolken.

 

 


 

 

Zwei Paar Schuhe (12. April 2014)

Jaja: Bern ist ein Dinosaurier. Der Kanton leistet sich – immer noch – die Unterstützung und äussere Regelung dreier Landeskirchen und der jüdischen Gemeinde. Die Pfarrer werden durch Kirche, Staat und Universität ausgebildet und absolvieren ein Staatsexamen. Nach der kirchlichen Ordination werden sie vom Regierungsrat in den Kirchendienst aufgenommen (und mit einer Bibel ausgestattet!), und in letzter Instanz bestimmt eine staatliche Stelle, wer als Pfarrerin zugelassen wird und wer nicht. Und dann werden sie flächendeckend eingesetzt und angestellt, in Kirchgemeinden, die dem staatlichen Gemeindegesetz unterstellt sind und also höchste Normen an Transparenz und Demokratie einzuhalten haben. Viele haben Wohnsitzpflicht. Und sie verdienen ihr Gehalt in der Lohnklasse 23, Grundgehalt CHF 7‘847.65.

Bern ist ein Dinosaurier. Lauter und empörter wird der Ruf, heute – viele Jahrzehnte nach verfassungsmässiger Sicherung der Religionsfreiheit – endlich auch Kirchen und Staat zu trennen. Vorsintflutlich sei das Modell, behäbig der Staat und satt die Kirchen. Und geht es um die Verteilung knapper Gelder, wird die staatliche Pfarrbesoldung empört als alter Zopf abgetan. Es hat schon etwas: Der Entschädigungsdeal ist über 200 Jahre alt, und was immer so war, darf sich auch ändern. Mir leuchtet ein, dass die Pfarrbesoldung zur Diskussion steht.

Eine ganz andere Sache ist die Trennung von Kirche und Staat. Die Kirche ist mehr als nur eine halbe Legion akadamischer Lohnbezüger. Sie bietet inneren und äusseren Raum. Sie hält alte und starke Werte im Spiel. Sie fördert und führt Gespräche zwischen Ungleichen. Sie darf und soll sich zu Fragen von Gesellschaft und Politik äussern – weder eigensinnig noch selbstsüchtig, aber deutlich. Sie handelt auch dort, wo der finanzielle und mediale Backflow bei Null liegt. Sie bleibt hart am Wind gegenwärtiger Sinnfragen.

Und sie ist eine imposante Mehrzahl – ihr Profil ist nicht durch die angestellten Spezialistinnen und Spezialisten geprägt, sondern durch einen unglaublichen Querschnitt an Menschen, denen die verschiedenen Aspekte der Kirche ein Anliegen sind: A besucht einen Verbitterten, C erhält Kulturgut, G reist mit Jungen, H kocht Suppe, N rezitiert alte Weisheiten, R sorgt für Musik, S knackt starke Männer mit weichem Kern, V wagt sich in Abgründe, für die keine Stelle der Welt sonst zuständig ist. Und die P, die Pfarrerinnnen und Pfarrer, sind mit dem ganzen Alphabet unterwegs, in Gemeinden, Spitälern, Heimen, Gefängnissen, an Schnittstellen und Bruchlinien menschlichen Lebens – als Teil eines Grösseren.

Kirchen und Staat lassen sich trennen. In den USA ist das seit Jahrhunderten so, in Frankreich seit langem, in schweizerischen Kantonen auch. Das ist eine Option. Zu diskutieren bleibt, was neben der Kirche auch der Staat und seine Gesellschaft davon haben, wenn Zusammenarbeit erhalten bleibt. Die Lohnklasse-23-Bezügerinnen sind da nur ein Einzelaspekt. Sinn und Kraft einer Verbindung liegen tiefer und lassen sich nicht auf Finanzaspekte reduzieren. Und manchmal schiessen exakt diejenigen Deregulierer auf die Kirchen, die den Werteverlust der Gegenwart bedauern –seltsam, nicht?

Bern ist ein Dinosaurier. Es ist höchste Zeit: Lassen Sie uns über die Pfarrbesoldung streiten. Und lassen Sie uns über Sinn und Unsinn staatsnaher Kirchen diskutieren. Aber vergessen wir dabei nicht: Das sind zwei Paar Schuhe.

 

 


 

 

 

Vom Klicken zum Fragen (10. Mai 2014)

Winterzeit. Ich laufe auf Schneeschuhen eine schwarze Piste hoch (nicht gerade gentlemenlike, aber der Lawinengefahr geschuldet), gelange nach einem brutal steilen Bord auf einen Absatz, wo ein Rudel Skihäschen angehalten hat vor ihrer Fahrt in die Tiefe. Eine junge Frau wendet sich an einen Mitmodernen und meint: „Der spinnt ja“. Sagt es so laut, dass ich es verstehe, sagt es in seine Richtung, nicht zu mir. Ich bin so perplex, dass mir der Schlämperlig erst in den Sinn kommt, als sie schon unterwegs sind. Und dann bin ich beleidigt, gebe ihr – nur halblaut – Saures.
Kurz darauf nochmals ein solcher Aufstieg, wieder Skifahrende oben. Einer spricht mich an, fragt mich aus, erzählt von sich. Ein Kurzgespräch nur, aber gebaut auf Fragen, Zuhören, Sinnieren und Reden. Freundliches Grüssen hin und her zum Abschied.

Es schimmert bei mir ja deutlich durch: Ich bin ein Social-Media-Skeptiker, friste nur in einem stillen Winkel ein schon fast autistisches Twitter-Dasein. Die ganzen Online-Umfragen, wo grosse Themen auf drei Fürzchen reduziert werden („Finden Sie, dass …?“ Antworten: „Ja“, „Nein“, „Weiss nicht / egal“), die ganze Daumenmanie des Freundschaftsverwirrers F‘book ist mir zutiefst zuwider, Rückfall ins Gladiatorenzeitalter. Menschen werden zu gesichtslosen Kommentatoren und Statistiklieferantinnen reduziert, verlieren das Du (Sie und mich, die Leute unterhalb der Schlagzeilen) aus den Augen und äussern sich klickschnell über Ihn (bitte Schlagzeile einfüllen), Sie (bitte Schlagzeile einfüllen) und Es (bitte Schlagzeile einfüllen), reden über andere anstatt mit anderen, walzen die Falten und Brüche des Lebens platt, fällen Urteile ohne Gehör. Die Wunderblumen des Gesprächs verwelken zum Klick.

Zuhören ist schwierig – es braucht innere Bereitschaft, Zeit und die Offenheit dafür, möglicherweise verändert zu werden. Bei den Quäkern, einer Randerscheinung in unserer religiösen Landschaft, habe ich einiges gelernt über die Kraft der Stille und die Dynamik des Zuhörens. Quäker waren und sind bekannt für ihre Arbeit mitten in Konfliktherden und unter verletzten Menschen. Dafür haben sie ein paar Strategien entwickelt. Eine davon nennt sich „Das einseitige Zuhören“ und erreicht nichts anderes und nicht mehr, als dass in angespannter Situation nur eine Seite redet und die andere nur hört, also nicht reagieren und damit auch kein schnelles Urteil fällen muss. Die Konfliktsituation wird damit in keiner Weise gelöst. Aber der Redende erfährt das Glück, gehört zu werden, und der Hörende wird Klangfarben wahrnehmen, die ihm entgehen, wenn er während des Zuhörens bereits an Gegenstrategien hätte arbeiten müssen. – Wie läuft das bei Ihnen so mit dem Zuhören? Meine Erfahrung: Mit „Aber“ ist eine Vielzahl aller Entgegnungen gewürzt.

Heilsam der Wanderer aus Nazareth. Als offenbar gute Freunde (sie alle haben ihn gelikt, zumindest so lange, als er in der Publikumsgunst noch oben war) ihm den Kontakt mit einem Outsider vorzuenthalten suchen, wischt er Konventionen beiseite. „Und Jesus wandte sich ihm zu …“ (sichtbar, berührbar, angreifbar!) „… und sagte: Was soll ich für dich tun?“ (ergebnisoffen, face to face, leidenschaftlich!). Der Rest ist Leben – ein Mensch vis-à-vis öffnet die Augen. Lesen Sie im Evangelium von Markus den Passus 10,46-52. Gibt’s auch online.

 


 

 

Schlaufen (7. Juni 2014)

Und wieder: Pfingsten. Und wieder: Fussball-WM. Und wieder: Braderie. Und wieder: Feuerwerksfahrt auf dem Bielersee. Und wieder … - Wir leben in Kreisläufen, schrauben und winden uns Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr durch Vertrautes. Wir brauchen diese Routinen. Stellen Sie sich vor, alles wäre neu und erstmalig und einmalig – es wäre schrecklich, wir wären heillos überfordert! Es soll bleiben, wie es ist.

Pfingsten also. Der freie Montag verführt zu Kurzferien, dem Heiligen Gotthard sei Dank. Wer hingegen einen Gottesdienst besucht, hört von einer Schar christusgetakteter Outsider des vorletzten Jahrtausends, die etwas wie Feuerzungen über den Köpfen gehabt hätten, die in allen Sprachen geredet und lamentiert hätten - wie besoffen seien sie gewesen, meinten Zeugen damals. Von Feuerzungen also werden auch wir reden, die beauftragten Geistlichen, von Begeisterung, vom Auftakt zur Christusgemeinschaft, von jenem pfingstverrückten und riskanten Gemeinschaftsexperiment vielleicht, von dem die Bibel erzählt: sie hätten zusammengehalten, alles geteilt miteinander, Güter und Besitz verkauft, jeder das Nötige gegeben … Veränderung pur, kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Tür verschlossen, kein Schrei und kein Lob bleibt ungebrüllt und ungesungen.

Und dann kommen Schlusssegen und Ausgangsspiel und Ausgangsläuten, ein paar freundliche Sätze noch hin und her. Und schon bin ich wieder drin im Rundlauf der Zeit, habe Pfingsten durchgeführt und abgehakt, lege es ad acta für ein knappes Jahr, durchpflüge das Meer der Routinen und breche auf zu Hamsterradtouren. Und mit uns, den mitteleuropäischen Geistlichen, kehren mitteleuropäische Mitfeiernde in ihre mitteleuropäischen Schlaufen zurück. Es soll bleiben, wie es ist.

Mir ist das unheimlich. Wir moderne Menschen lesen und sehen rund um die Uhr Leute verzweifeln, krepieren, explodieren und erstarren, sehen Täter prügeln und Opfer bluten und Gerechtigkeit ersticken unter Diktatorengewalt und Mehrheitswillkür. Und kehren vollkommen feuerzungenfrei in unsere Schlaufen zurück, seelenruhig womöglich.

Vermutlich ist das so, seit jeher und auf immer: Die einen gehen unter, die anderen verwalten ihren Besitz. Zunder wären die Schnittstellen, die Orte und Momente im Leben, wo der Wunsch nach Bewahren und die Notwendigkeit zum Verändern aufeinandertreffen. Dumm nur, wenn dieses Zusammentreffen nicht Aug‘ in Auge, nicht von Mund zu Ohr geschieht, sondern gedruckt, gefilmt, gepixelt. Wenn’s zu viel wird: Power off.

Vom Kloster Gottstatt führt entlang des südlichen Bielerseeufers ein Geschichtenweg bis zur Kirche Erlach, eingerichtet vom früheren kirchlichen Bezirk Seeland, ausgestattet mit 30 Texttafeln. Die zweitletzte steht am Weg von Vinelz her und stellt fest: „Ihr wollt, dass es so bleibt wie es ist, darum betet ihr um Frieden. Wir wollen, da es nicht so bleibt wie es ist, darum beten wir um Frieden.“

Ein Sätzchen fürs Poesiealbum? Perfekte 142 Zeichen für ein gutmeinendes GeTwitterchen? Oder gewaltiger Blitzschlag durch steinerne Herzen? Feuerstoss für erwachende Seelen?

Wählen Sie. Ich mache mir unterdessen Notizen für eine nächste Kolumne. Man will ja vorbereitet, eingerichtet und schlaufenfähig sein, nicht wahr. Ausser … ausser „es entsteht auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllt unser ganzes Haus, und es erscheinen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilen, und auf jeden von uns lässt sich eine nieder …“ (Apostelgeschichte, Kapitel 2)

 


 

 

Anhalten (5. Juli 2014)

Eigentlich ist es zu unwichtig, um festgehalten zu werden. Aber in mir ist es festgebrannt. – Ich bin am Arbeiten, viel Material und Zeugs liegt auf dem Schreibtisch, ich will nach der Bibel greifen, schlage das Buch auf – und realisiere erst jetzt, dass ich meine Agenda in den Händen halte. Wäre es ein x-beliebiges Buch gewesen, es hätte mich kaum beschäftigt über eine leise Belustigung hinaus. Aber es war die Agenda, und das gibt mir zu denken.

Es ist nicht das erste oder einzige Mal, dass sie sich derart unverschämt in den Vordergrund spielt. Plaudern wir unter Freunden, schlägt jemand ein Treffen, ein Fest vor und ich werde gefragt, was ich dazu meine, reagiere ich scherzeshalber öfter: „Keine Aussage ohne meine Anwältin!“ – und meine damit eben meine Agenda. Sie ist es, die über Sein oder Nichtsein (mit)entscheidet. Die knappe Zeit ist zu meinem Markenzeichen geworden, und sollte ich einmal Aufnahme in einen ironischen Heiligenkalender finden, so wäre der Steckbrief klar: hat einen gehetzten Gesichtsausdruck, die Arme abwehrend gegen überall ausgestreckt, auf dem Kopf eine schweinslederne, aufgeklappte Agenda, die ihm den glasigen Blick auf die Mitmenschen verdeckt. - Vermutlich allerdings bin ich nicht der einzige, der so tickt. Wir zelebrieren es ja bis in die Alltagsfloskeln hinauf: „Chasch schnäll ga luege? Gib mer hurti ds Abtröchnitüechli!“ Nur in Ausnahmefällen wehren wir uns und fragen zurück, ob es denn vielleicht auch langsam ginge.

Jetzt, ein paar Wochen später, wo ich wieder bei Atem und also auch bei Trost bin, gelingt der Griff: Ich will die Bibel vom Pult fischen und erwische sie auch, weiss, was ich finden will und werde. Ich bin fast sicher, dass Sie ihm auch schon begegnet sind. Da hat einer – die Tradition nennt ihn den Prediger – ein Gedicht über die Zeit geschrieben. Er prüft ein Buch lang das Wissen seiner Zeit, er erwägt, was matchentscheidend sein könnte im Leben und was nicht, aber sein Gedicht ist und bleibt das Zentrum, findet sich auf Blumenvasen und in Hochzeitspredigten, und Tante Google liefert hunderttausendfache Belege für den Titel: „Alles hat seine Zeit“.

Und dann holt er aus und stellt Gegensätze nebeneinander, die einleuchten (Sterben hat seine Zeit, und Leben hat seine Zeit) oder geklärt werden müssen (Steine werfen hat seine Zeit, Steine einsammeln hat seine Zeit). Die Sätze sind so anregend, dass wir freihändig und zielgenau weiter dichten können (für mich zum Beispiel: arbeiten hat seine Zeit, und Ferien machen hat seine Zeit).

Ja, die Zeit. Manchmal erleben wir sie in ruhigen Kreisen, schenkt sie uns feste, wiederkehrende und damit verlässliche Abläufe. Dann geht es uns wie den Winzern, der Dorfpfarrerin: gemächliche und härtere Zeiten, mehr nicht. Oder aber wir erleben Zeit als Schwarm von je einzelnen und unglaublich wichtigen Einzelangelegenheiten, die wie ein Meteoritenschwarm auf uns einprasseln, die uns kaum Luft zum Anschauen, Abwägen, Planen und Sortieren geben – dann sind wir gestresst und gehetzt wie die Börsianerin oder ein Dorfpfarrer. Die Kunst läge darin, beides zu sehen und weise zu werden.

Einer zaubert mit der Zeit. Anständige und Empörte schleppen eine auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin zu Jesus und möchten von ihm, dem Nuttenfreund und Lebenskünstler, wissen, was zu tun sei. Die Gesetzeslage ist klar: steinigen. Und was tut er? Er bückt sich und schreibt in den Sand, sagt ein Sätzchen, bückt sich wieder und schreibt weiter. Keine Ahnung, was er geschrieben hat. Aber er brauchte Zeit, nimmt sich Zeit, gewährt Zeit, verschenkt sie, lässt sie wirken. Johannes 8 berichtet davon. Greifen Sie, wenn Sie wollen, zur Bibel. Nicht zur Agenda.

 


 

 

Muss ich? (2. August 2014)

Kurz nach dem 2. Weltkrieg reist ein junger Schweizer per Frachtschiff von Amerika nach Europa, trifft an Bord eine Handvoll Menschen, die sich aufmachen, im umfassend zerstörten Kriegsgegnerland Deutschland beim Wiederaufbau zu helfen. Er wird eingeladen, bei deren Andacht dabei zu sein. Eine Stunde lang wird geschwiegen, dann reicht man sich die Hände und geht wieder auseinander. Er ist irritiert und fragt nach, ob denn das der ganze Gottesdienst gewesen sei. Einer antwortet: Nein, das Schweigen ist nur unsere Form der Andacht; der Gottesdienst beginnt dann, wenn wir auseinandergehen.

Inzwischen ist der Mann alt geworden. Vermutlich liest er die Gratiszeitungen in unseren Zügen nicht. Dort aber war eines schönen Julitages – unter der Rubrik „Wissen“ notabene – zu lesen, dass Religion zum Produkt werde. Ein Bild zeigt eine Bühne der International Christian Fellowship, kurz ICF, dazu die Unterschrift „Popkonzert statt Chorgesang: Bei den Gottesdiensten wird der Glaube zum Kommerz“. Das ICF steht als Beispiel für viele andere (Frei-)Kirchen, die über markt- und kundennahe Marketingmaschinerien verfügen. Der Artikel schliesst: „Um in diesem Wettbewerb konkurrieren zu können, müssten sich auch die Landeskirchen den Regeln der Konsumgesellschaft unterwerfen und ihren Mitgliedern etwas bieten – das tun sie bisher aber noch zu wenig.“

Hallo! Müssen wir? Und was müssen wir? Worum geht es im Kontext von Glauben, Zuversicht, Aufbruch, Befreiung, Solidarität, prophetischem Mut und Kraft zur Barmherzigkeit? Und wer ist „die“ Kirche? Ich meine, Kirche sei nicht zu trennen in (professionelle) Anbieter und (gschäderfräsige) Kunden, sondern eine Gemeinschaft von Menschen in der Tradition und im Licht des Evangeliums. Ich meine, dass die Menschen nicht z’Predig gehen (und sich damit ein Produkt reinziehen), sondern miteinander Gottesdienst feiern (und sich im Singen und Beten auch wechselseitig tragen und begleiten). Und mir ist die Alltagskraft des Evangeliums wichtiger als diverse Kennzahlen, die das Gefäss Kirche betreffen, aber nicht deren Inhalt sind.

Ich kritisiere (erfolgreiche) Freikirchen nicht. Aber ich verwahre mich gegen den Druck, als Landeskirchler den Markt zum alleinigen Mass zu nehmen. Das kann uns Kopf und Kragen kosten, ich weiss, und unsere Arbeit soll nicht in der Abenddämmerung alter Staatskirchenherrlichkeit still und leise absaufen. Aber vielleicht können wir bei der Handvoll (freikirchlicher!) Ozeanfahrer eine kleine Anleihe machen.

Die alten Propheten und Jesus von Nazareth, dieser bühnenscheue Mensch, haben sich deutlich zu Frömmigkeitsformen geäussert, die äusseren Erfolg höher gewichten als die Grundfarben von Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Religion als glamouröses Produkt ist weder eine neue noch eine langfristig tragfähige Mode. Wer sich Religion als Kunde reinzieht, bleibt bei der Buffetmentalität stehen – und wird zum konsumgetriebenen Wechselwähler ohne eigenes Profil. Der moderne Musikbetrieb funktioniert übrigens ähnlich: Wer gute Musik macht, hat es oft schwerer, sie zu Gehör zu bringen, als mediengewandte Skandalferkel minderen Talents.

Darum: Nein, Religion ist kein Produkt. Sie ist eine Haltung, eine Lebensform, Atemzug um Atemzug. Die kleine Geschichte von der Überfahrt jenes jungen Schweizers hat mich seit vielen Jahren geprägt (und zum Mitglied jener Freikirche werden lassen). Und mir ist nicht bange um die Landeskirchen – soweit wir Courage genug haben, um bei der Sache Jesu zu bleiben. Diesen halte ich zwar für einen miserablen Rechner (vgl. Joh 6: fünf Gerstenbrote und zwei Fische für 5‘000 Leute?), aber für einen vorzüglichen Gastgeber und Gefährten (ebenda).

 

 


 

Von lauten und leisen Sprachen (30. August 2014)

Seit dem Turmbau von Babel ist es amtlich, sozusagen: Die Sprachen der Menschen sind verwirrt. Sprachgrenzen sind die einfachsten und offensichtlichsten Grenzen zwischen Kulturen und Lebenswelten, sind ein Teil der eigenen Identität. Sprachstreitigkeiten spalten moderne Nationen – Rumänien oder Belgien sind dafür Beispiele. Und Sprachen transportieren – manchmal unbewusst, aber stetig – versteckte Grundwerte. Dass im Chinesischen Zeichenbestandteile wie „alt“ oder „schlagende Hand“ in den Begriffen rund ums Lehren versteckt ist, ist grundlegend für die dortige Gesellschaft.

Gleichzeitig durchzieht ein immer wieder changierendes Weltsprachennetz unser Leben. Griechisch war einmal die Kultur- und Verkehrssprache des Mittelmeers, Lateinisch wurde durch das römische Reich verbreitet und blieb in Kirche und Wissenschaft bis ins 17. Jahrhundert präsent. Arabisch war die Gelehrtensprache des Mittelalters (jaja: stellen Sie sich vor, einige Eckpfeiler aus Medizin, Kunst, Architektur und weiteren Bereichen verdanken wir der muslimischen Welt), Französisch war die Sprache des Adels und der Diplomatie. Russisch wurde zur Leitsprache des früheren Ostblocks. Heute führt Englisch in vielen Bereichen – schon nur dann, wenn wir zum Brunchen ganz relaxed Sandwichs schmieren und am Weekend Wellness gross schreiben, auch wenn wir gerade mit den Kids in Down Under chatten.

Es gibt verschiedene Sprachen, ja. Es gibt aber auch innerhalb einer einzigen Sprache gewaltige Unterschiede. Einer trommelt im Staccato auf Untergebene ein oder spuckt ihnen seine Befehle nachlässig vor die Füsse. Jemand schreit, obwohl kein Ton zu hören ist. Amtlich gedeckte Sprache rauscht schneidend wie ein Wasserfall von Swarovsky-Kristallen über zugeflüchtete Menschen jenseits des Schalters, die doch um Hilfe bitten. Pfarrer merken nicht, dass die gedehnten Silben mancher Bibelübersetzungen („Gehet und machet …“ – geht doch einfach und macht, um Himmels willen …!) nicht zwingend unter Denkmalschutz gehören. Junge hängen Alte ab mit ihrem Slang – bei „endgeil“ oder „Mietmaul“ muss passen, wer nicht mehr dazu gehört. Ab und zu lese ich sogenannte Meinungsplattformen auf dem Netz und sehe, wie buchstabenweise gekotzter Hass Orgien feiert – auch dort, wo Menschen darum bemüht und dazu verpflichtet sind, journalistisches Ethos zu bewahren. Ist ein Artikel nicht schrill genug, wird das Publikum durch manipulative Fragen zum Zuschlagen verführt.

Sprachen bieten sachliche Probleme, die mit Babelfish und ähnlichen Übersetzungsrobotern fürs Erste entschärft werden können. Ganz anders ist es dann, wenn man sich versteht, ohne sich zu verstehen. Ertappen doch einst die Edlen und Klugen der Stadt eine Schlampe auf frischer Tat beim Ehebruch, fassen sie am Wickel und schleifen sie zu Jesus. Sie wissen, was geschrieben steht, und er weiss es auch: steinigen. Das möchten sie aus seinem eigenen Mund hören, von jenem Querkopf, der bei jeder Gelegenheit dem Leben den Vortritt vor allen Regeln einräumt. Sie hören – nichts. Jesus bückt sich und schreibt in den Sand. Niemand weiss, was er geschrieben hat. Wir wissen nur, was er auf das mehrfache Drängen der Edlen und Klugen dann geantwortet hat: Ja, ihr habt völlig recht. Machen wir es doch so: Wer von euch … Der Rest der Geschichte über das Heilpotential eines einzigen Sätzchens mitten im Gebrüll der Zeit findet sich in Joh 8.

Geri aus B. lässt grüssen. Und Hans Peter aus A. auch. Und X. aus Y.

 


 

 

 

Was tun? (27. September 2014)

Mittwochmorgen, kurz nach 6 Uhr, Turmkapelle Ligerz. Wir beenden unser Morgensingen. Vor dem Aufbruch in den Tag deponiert eine ihre Ohnmacht gegenüber den Fluten an grauenhaften Nachrichten, die uns derzeit (schon früher? immer wieder?) überrollen. Ihre Klage fliesst ein in einen Satz, den ich oft höre derzeit: Ich mag keine Nachrichten mehr sehen oder hören oder lesen. – Mir geht es ähnlich; ich kann die Flut nicht mehr einordnen, verarbeiten.

Was tun also? –
Im Jahr 1933, dem Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme, war der Schweizer Theologe Karl Barth Professor in Deutschland. Er hat mit wachen und unbestechlichen Sinnen wahrgenommen, was sich am Horizont abzeichnete: ein System jenseits aller Mitmenschlichkeit. Er ist dagegen nicht auf die buchstäblichen Barrikaden gegangen, fand aber deutliche und weit reichende Worte, mit denen er klarstellte, dass sich Christus in kein System und erst recht nicht in das nationalsozialistische einbauen liesse. Wichtige Stellungnahmen gegen den Totalitarismus stammen aus seiner Feder. Er war, im Rahmen seiner Möglichkeiten, aktiv. In einer seiner Schriften aber (mit dem starken Titel „Theologische Existenz heute“) verweist er, der mutige und öffentlichkeitsgewandte Redner, auf die Benediktiner, die im nahe gelegenen Kloster zweifellos und unabhängig von allen Stürmen in der Welt ihren Horengesang, ihr Tagzeitengebet fortsetzen würden – und damit ein Zeichen setzten, auch ein politisches.

Sein Hinweis auf den unveränderlichen Gebetsalltag der Mönche ist bemerkenswert. Er deutet an, dass punktuelle Ohnmacht nicht in die komplette Lähmung führen muss. Eine Vision wird wach: Leises Beten hat möglicherweise den längeren Atem als groteske Mordlust. Klingt das zynisch? Ja: Wer nicht direkt vom Terror bedroht ist, hat leicht beten – es sind ja die anderen, die ins Gras beissen. Aber auch nein: Es kann nicht sein, dass in allem Entsetzen der Gegenwart der rote Faden der Hoffnung auf Versöhnung abreisst – und dann, in einem Moment nach allem Lärm, fehlen würde, ausgelöscht und vergessen wäre.

Barth wählte die eine Option, die aktive, und verwies auf die andere, die besinnliche. Sie schliessen sich nicht aus, sondern gehören zusammen und umreissen den ganzen Horizont des Lebens. Manchmal sind Rollen verteilt: Die einen tun das eine, die anderen das andere. Manchmal können wir die Vielfalt auch in uns selber leben: können handeln und Zeichen setzen und rufen bis brüllen, können schweigen und trauern und singen und beten.

Quer durch die Zeiten geht dieser Gedanke, quer durch die Kulturen und Religionen der Menschheitsgeschichte. Ein Moderner hat es auf den Punkt gebracht mit einem kleinen Gebet, das in mancher Stube zu finden ist, in Kalendern, auf Buchzeichen, heute sogar in dieser Zeitung steht: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“. Gut ist es, solche Gebete in die Mehrzahl zu setzen und miteinander zu teilen, was uns bewegt, belastet und lähmt. Gut möglich, dass wir dann mit Barth und mit den Benediktinern gemeinsam unterwegs sein können: aktiv und besinnlich, politisch und religiös, empört und entsetzt, laut und still – menschlich halt.

 

 

 


 

 

Tisches Loblied I (25. Oktober 2014)

Vielleicht ist er
manchmal
mit einem gebügelten Tischtuch bedeckt und geschmückt,
mit Porzellan, Silber und Blumen bestückt,
mit einer Kerze vielleicht.
Und er hört Sprüche, hört Reden,
spürt den Druck des Tranchiermessers
durch den Sonntagsbraten hindurch,
trägt edlen Tropfen im kostbaren Glas,
vielfaches Kristallgebimmel erschüttert leise
seine alten Knochen von Holz.
Unter ihm ruhen und zappeln
Paare von gebügelfalteten, benetzstrumpften, robenumwehten Beinen,
auch Kinderbeinchen in Leggins
mit Finken von Filz.


Vielleicht liegt auf ihm, dem zerkratzten,
was angeschwemmt wurde seit Tagen und Jahren –
der ungeöffnete Brief aus der Ferne,
Stapel von stummbösen Rechnungen,
Suppe von gestern, kalter Kaffee.
Die zwei, drei Stühle bei ihm sind,
bis auf den einen, belegt
von Abfall seit langem,
von Kleidern mit Löchern, gestapelten Zeitungen von einst,
der Einkaufstüte mit abgerissener Schlaufe.
Nur eine sitzt da, den blicklosen Blick
verloren an der Tapete der Wand,
stumpf, gefangen in Zeit, die längst zu Ende sein müsste,
ging‘ es nach ihr.
Weit weg rufen Glocken zur Feier.

 

In Kirchen steht ein Tisch, mindestens einer: in katholischen oft reich geschmückt, Kernstück im Hochaltar, immer zentriert, mit einem eingelegten Knöchelchen eines Glaubenszeugen, das den Tisch mit der langen Geschichte der Glaubensgemeinschaft verbindet – jeder Altartisch ist Grab und, als Träger von Brot und Wein, Lebensgrundlage zugleich. In reformierten Kirchen finden sich Tische von Stein, oft von Holz. Sie sind nichts anderes als eben nur Tische. Strahlt durch sie ein Wunder auf, ist es die Gemeinschaft der Menschen rundherum.

Quer durch die Bibel taucht der Tisch auf: als Träger im heiligen Zelt (Ex 25,23), als Treffpunkt, wo König und Krüppel sich treffen (2. Sam 9,11), als Ort für die Gaben des Einen (Ps 23,5), als Drehpunkt für Freundschaft und Streit (Mt 9,10). Seine Kraft hat nichts Aktives, kein Mensch schwätzt so wenig wie Tische. Ihre Kraft liegt im Holen und Tragen. Im Rückblick aufs Paradies schweifen die Menschen im Garten; in der Mitte des Reichs am Ende der Zeiten wartet ein Tisch (Lk 13,29).

Auch Sie und wir haben Tische. Wir wissen, wo ihre Kratzer sind, wo unterlegt werden muss, damit sie nicht wanken. Die Tische hingegen tragen nicht stumm nur die Lasten, sie wecken Geschichten in unsrer Erinnerung, helle und dunkle, weit und verzweigt wie das Leben. Sie sind Anker für uns, langjährige Spiegel – nicht aktiv und grausam mitunter wie spiegelnde Spiegel. Sie lassen uns Spielraum, hin zu sehen oder achtlos zu bleiben. Riskieren Sie das Gespräch mit ihm, dem Tisch unter Ihnen?

Das ist die Kraft des Tischs gegen innen. Im Strom der reichen jüdischen Tradition reist ein Gedanke mit, den ich schätze und bewahre – er wendet mich gegen aussen. Die Juden erwarten den Messias, und Vorzeichen ist ihnen der Bote Gottes, der wiederkehrende Prophet Elija. Für ihn werden im Rahmen der traditionellen Passahfeier stets ein Stuhl und ein Glas bereit gehalten an der Tafel. – Wer hindert mich, diesen Schatz des freien Platzes am Tisch zu bewahren, zu nutzen, zu teilen? Auf Inseln ausserhalb des eifersüchtig gehüteten und misstrauisch geschützten Privateigentums pflegen Menschen zu singen: „Ein Gast kommt – Christus kommt.“ Singen wir mit?

 

 


 

 

 

Von Kirchenplantagen und Bibelregenwald (22. November 2014)

Eines Abends: Gespräch mit ein paar jungen Menschen in der Kirche Twann zum wunderbaren Weihnachtsfenster, das im Weihnachtsgottesdienst im Zentrum stehen wird. Zwei Fragen treiben mich um: Wofür würden wir um Mitternacht heute noch los ziehen (über das TV-Sofa hinaus, meine ich), und was sind wir bereit zu schenken, wenn wir es oder sie oder ihn gefunden haben? Sie, die Jungen, sind bereit, ihre Gedanken zum Bild mit der Gemeinde zu teilen. Dann die Frage von einem von ihnen: Muss, was ich schreibe, unbedingt religiös sein?

Tags darauf, in einem Tagungsraum der Hauptstadt. Ein Theologe, der ebenso klug ist wie vom Leben gezeichnet und gebeutelt, denkt laut über die Religion nach. Dabei stellt er fest, dass die Geschichten und Erfahrungen in der Bibel voll von ungezügeltem Leben sind – voll Liebe, Hinterlist, Totschlag, Treue, Mut, Verlogenheit, Angst, Neugier, Gier und Poesie. Wie im tropischen Regenwald klingt es durch die vertrauten Buchseiten hindurch, lebendig eben. Und dann haben die Kirchen aus diesem ungezügelten Leben Plantagen gemacht, Monokulturen mit den Themen, die ihrer Meinung nach wichtig sind, haben alles andere zwar nicht gestrichen, wie oft behauptet wird, aber buchstäblich totgeschwiegen. Und heute geben sie unverdrossen und weiterhin Antworten auf Fragen, die gar niemand mehr stellt.

Und nochmals einen Tag später, irgendwo am Bielersee. Ich besuche Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Das Gespräch ist wunderbar – zwei alte Leben leuchten auf, Lachen und Tränen mischen sich, ich werde beschenkt und berührt und bewegt. Aber, so die Vormeinung: Ich sei sozusagen ausserplanmässig unterwegs, müsste ja nicht da sein, bin nicht zuständig.

Wie ein Gewitter donnert es in diesen Tagen über mich hin: diese ständige, elende und unvermeidliche Spannung zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Institution und Freiheit, zwischen Fahrplan und Improvisation. Es ist einigermassen erträglich, dass ich als Pfarrer oftmals schnell in die Schublade des Staatsbeamten geschoben werde. Damit kann ich leben, und überdies stimmt es ja auch. Womit ich nicht leben kann: mit der Vorstellung, dass Gott als Konzernherr seine Spitzenmanager (von Papst Franziskus I. bis Synodalratspräsident Andreas Zeller) und die Arbeiter (Kirchgemeinderäte, Pfarreisekretärinnen, Diakone, Pfarrerinnen) in die Welt geschickt habe, um diese in wohlgeordnete, fraglose und logische Plantagen umzuformen, wo anstatt Brot und Wein geteilt und verschenkt nur noch heiliger Kaugummi und geistliche Cola angebaut wird, vorgefertigtes, destilliertes und doch unsäglich verstaubtes Zeug von vorgestern.

Nein: Was im Kirchenraum gedacht und gesagt wird, muss nicht durch das Sieb religiöser Konventionen gesiebt werden vorher. Nein: Wo ein Pfarrer zuhört, braucht es keinen Mitgliederausweis. Nein: Wer die Bibel liest, muss nicht wissen, was die Kirchen darüber schon alles gedacht und nicht gesagt haben. Nein: In den Kirchen haben Antworten, die fraglos formuliert wurden, keinen Platz.

Und ja: Jesus war kein intellektueller Türsteher an der Pforte des Himmelreichs, sondern war und ist und bleibt mitten im Urwald des Lebens drin. Und ja: Die Frau im Twanner Kirchenfenster geht dorthin, wo sie will (zur Krippe) und bringt mit, was ihr lieb und wichtig ist. – Die Kirche ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet.

 


 

 

Aufwachen (20. Dezember 2014)

Ich schlafe tief, in dieser langen Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2014. Und ich träume, träume wie fast immer, und träume, dass ich im Bett liege und tief schlafe, und plötzlich …

„He, du! Aufwachen!“ Ich knurre. Dann nochmals, ein wenig lauter und in einer fremden und doch wunderbar nahen Sprache: „Wach auf! Es ist doch schon fast Weihnacht.“

Mit einer Vierteldrehung im Tempo wie weiland Werner G. drehe ich mich, sitze mit einem Schlag auf der Bettkante, hellwach. „Was zum Kuckuck … spinnst du eigentlich, das kann ja gar nicht sein! Ich habe meine Predigt für den Weihnachtsmorgen noch nicht einmal angefangen, und die Organistin sollte mir längst …“ – „Du hast mir nicht zugehört, mein Lieber“, säuselt die fremdvertraute Stimme. „Ich habe nur darauf hingewiesen, dass es bald Weihnachten …“ „Jetzt halt deine Klappe und hör mir zu“, sage ich, belle ich, schimpfe ich, mit verkniffenen Augen gegen die Sonne gerichtet, die mich blendet und strahlt. „Weihnachten habe ich selber im Griff, verstehst du? Heute ist Geschenkejagdtag und Singen, morgen Adventsgottesdienst, am Montag dann vielleicht noch ein paar Besuche, am Dienstag ein Treffen mit, mit … äh, ist ja egal. Jedenfalls steht alles in meiner Agenda, und dafür brauche ich deine Kommentare nicht.“

Stille. Immer noch blendet es mich, sehe ich kaum eine Kontur im Sonnenlicht. Und plötzlich durchzuckt mich wie ein Blitz die Erkenntnis: Ich habe gar kein Sonnenlicht im Schlafzimmer, noch nie gehabt, das Fenster geht gegen Norden, mein Bettrand geht Richtung Wand. Und kaum gedacht, wird das Licht wie durch Zauberhand milder, wärmer, spielt ins Gelbe, dann in weiches Orange, und wie aus einer übergrossen Mandel heraus wird eine Gestalt sichtbar, blond (natürlich, das muss sein), mit blauem Umhang, mit einem leise leuchtenden Gesicht und – schneeweissen Flügeln. Knapp verschlucke ich mich nicht vor Schreck.

„Vielleicht hörst du mir für einen Moment einfach einmal zu. Das wäre nämlich“ – kurze Pause – „das wäre nämlich das Erste, was Weihnacht ausmacht. Wie willst du unsereinen hören, wenn du vom Aufwachen an herumbrüllst und den Tag in Schlachtfelder zerlegst, bevor du ihn anständig begrüsst und gelobt hast? Und wenn du hören kannst, kannst du dann vielleicht auch sehen und hast noch andere Ideen als die, welche du und andere in deinen Terminplan graviert haben. Und dann wäre es eben“ – kurze Pause – „schon fast Weihnacht. Ich meine diejenige Weihnacht, die nicht im Kalender steht.“

Spricht‘s, umflügelt mich sachte, zieht dann ein Glöckchen aus dem Umhang heraus und klopft mit seinen Flügelspitzen daran, immer vier Mal kurz hintereinander, di-di-di-ding, di-di-di-ding …

Di-di-di-ding, di-di-di-ding … Das ist mein Wecker. Ich kenne ihn, den täglichen Henker meiner Ruhezeit. Schwarz ist er, digital, ein Mitbringsel aus einem Grossverteiler. Ich wende mich ihm zu, will ihn mundtot machen, den Kerl. Dann erinnere ich mich daran, dass er noch vor kurzem das Glöckchen in der Hand des Engels gewesen ist. Ich lasse ihn läuten, höre ihm zu. – Dochdoch, ich stehe schon noch auf heute. Aber ein wenig langsamer als geplant.

 


 

 

Gräben und Brücken (17. Januar 2015)

Gräben trennen Menschen, im Kleinen und im Grossen. Derzeit beherrschen zwei davon die Schlagzeilen. Der eine Graben trennt Muslime und Nichtmuslime. Der andere trennt Muslime von Islamisten. Beides ist tödlich.

Europa und mit ihm das, was wir das „Abendland“ nennen, hat im 18. Jahrhundert eine geistige Entwicklung durchlaufen, die als Aufklärung bezeichnet wird. Ertrag dieser Zeit war die Befreiung des menschlichen Denkens aus den Fesseln vorher unangreifbarer Traditionen, unter anderem der kirchlichen. Seither ist das kritische Nachdenken über die Bibel und die Kirche üblich, Spott und Sarkasmus inklusive. Das fördert nicht die Einheit der Christenheit, wohl aber die Freiheit jedes einzelnen Menschen.

Die islamische Welt hat die geistesgeschichtliche Epoche der Aufklärung nicht durchlaufen. Das heisst nicht, dass sie davon abgetrennt wäre – heute ist die Welt ein Dorf, und Wissen überwindet Grenzen. Aber die Religion als solche ist kompakter, damit auch stärker geblieben, prägt Gesellschaften, Kultur, Politik und Recht. Entsprechend gefährlich ist scharfe Kritik (wir kennen das ja aus unseren Geschichten – wir haben Täufer verjagt, Ketzer verbrannt, Juden umgebracht, Muslime massakriert …).

Ein Graben also trägt den Namen „Aufklärung“ – bei uns sind Traditionen durch den Fleischwolf der Wissenschaft gedreht worden, Ketzerei ist chic geworden, und über das Rationale hinaus hält sich nur, was belastbar ist auch unter modernsten Vorzeichen.

Merkwürdig nur, dass die Bereitschaft zum Gebrauch des Verstands gelegentlich nicht weit über unsere eigenen Nasenspitzen hinaus reicht. Wer „den“ Islam verteufelt, jagt Muslime aller Couleur gedankenlos und unverantwortlich in eine von uns heraufbeschworene Trutzburg hinein, wo der innere und so dringend notwendige Disput – zwischen Muslimen und Islamisten – vorerst einmal zweitrangig wird.

Ich bevorzuge es, meinetwegen naiv und kleinflächig, aber mit innerer Überzeugung, nach Brücken Ausschau zu halten. Das geht dort, wo ein aufgeklärter Mensch nicht über den Islam palavert, sondern mit einem Muslim redet, lebt, teilt. In Dresden gibt es zu wenige Muslime, um den Begegnungsbedarf für die Schreihälse der Pegida zu decken. Hier bei uns stehen die Chancen vermutlich besser, um ein tragfähiges Netz zu bilden (und dass es einzelne Trottel und Brandstifter gibt hüben und drüben, muss uns nicht hindern).

Erste Sporen abverdient habe ich im Jugendgefängnis auf dem Tessenberg.
Geholfen habe ich, als ein junger Muslim meinte, auch Gott müsse draussen bleiben, wenn sich der Schlüssel im Zellenschloss dreht; das Bild eines Gottes, der sich nicht um Himmelsrichtungen und Strafregister schert, konnte ihn entlasten.
Diskutiert habe ich mit einem, als ich es bedauerte, ihm als christlicher Seelsorger in religiöser Hinsicht nur beschränkt beistehen zu können. Seine Antwort war hilfreich für das weitere Gespräch: Wenn Gott der Gipfel ist, dann sind unsere Religionsgemeinschaften die ein wenig eigensinnigen Wanderer, die alle von ihrer Route überzeugt sind und erst oben merken, dass sie denselben Berg bestiegen haben.
Und gelernt habe ich, als ich einem explosiven Gewalttäter der Stufe Eisenstangenwerfer von Jesus und seinem deeskalierenden Gewaltverzicht erzählte (Sie erinnern sich: die Sache mit der anderen Wange, dem Mantel, der zweiten Meile – Mt 5,38-42). Er wurde still, dachte nach und erzählte mir dann seinerseits, dass es ausserhalb des Korans, aber innerhalb ihrer Tradition ein Wort des Propheten gäbe, der gesagt hat: „Wenn einer mit einem Stein nach dir wirft, gib ihm eine Rose zurück.“ Wir sind wechselseitig wach geworden für den anderen und seine Möglichkeiten. Allons-y.

 


 

 

Hinsehen. Hingehen? (14. Februar 2015)

Etwas wiederholt sich in mir. Im späten 20. Jahrhundert sass ich mit guten Freunden am Tisch, und wir beschlossen damals, einen Leserbrief an die grössten Zeitungen der Schweiz zu schicken. Anlass war die gefährliche Situation auf dem Balkan, die zur Aufsplitterung gesellschaftlicher Interessen führte: Touristen liessen sich die ungefährlichsten Ferienmöglichkeiten erklären, Journalisten wagten sich in die Krisengebiete. Wir riefen damals dazu auf, diese Trennung nicht kommentarlos zu akzeptieren, zu prüfen, ob wir nicht gerade reisen müssten dorthin, wo Trennung, Angst, Gewalt regieren – nicht als Neugierige, nicht als naive Möchtegernhelfer, aber doch in solcher Zahl, dass bereits die nackte Präsenz Beteiligte am Ort und Gaffer rund um den Globus zum Nachdenken verleiten würde. Der Leserbrief wurde gedruckt, passiert ist nichts, und auch ich bin sitzen geblieben.

Später waren es dann die Destinationen Ägypten und Thailand, die dieses wohlgenährte Schielen auslösten: Gebannt werden Nachrichten über Demonstrationen verfolgt und gleichzeitig touristische Last-Minute-Schnäppchen gebucht. Lärm und Empörung gibt es bei uns erst, wenn internationale Flughäfen von den Unruhen betroffen sind und die grossen Reiseveranstalter Stellung nehmen müssen. Wir sind mit verantwortlich für den Bau ebenso feiner wie unüberwindbarer Trennwände in wunderbaren und gewaltverseuchten Ländern, bauen frankenstarke Doppelwelten anderswo.

Heute sind es (beispielsweise) Syrien und die Ukraine, wo Menschen von Gewalt überrollt werden, ohne selber bewaffnet zu sein. Um sie herum zieht sich ein unsichtbarer Kordon – Kriegsgebiete sind Tabubereiche, den Kämpfern, den professionellen Helfenden und den Berichterstattern vorbehalten. Und mittendrin: die Menschen, die dort einfach leben wollen. Sie sind isoliert, abgeschnitten, reduziert auf Opferzahlen und Fernsehbilder ihrer Angst.

Dass unsere Behörden vor Reisen etwa auf die Krim warnen, ist verständlich und vernünftig. Gleichzeitig hält das EDA fest, dass die Ausreise derer, die bereits dort sind, ein individueller Entscheid sei. Das macht den Weg frei zum Gedankenspiel, dass auch die Einreise meine, unsere Sache ist.

Fragt sich, was wir suchen und brauchen, wenn wir aufbrechen. Oft wohl: Abschalten, anhalten, gute Küche im Bauch und hot stones auf dem Rücken – bloss keine Belastungen, keine eigenen und erst recht keine fremden. Eine Alternative wäre es, Lebenszeit mit Wildfremden und Gefährdeten zu teilen, im Bündel nicht viel mehr als das Salz der Gastfreundschaft, das Brot der Gemeinschaft und den Wein der Hoffnung. Einer hat seine Freundinnen und Freunde mal geschickt, vor langer Zeit: um Dämonen auszutreiben und Kranke zu salben (Mk 6). Dämonen sehe ich genug. Viele feilschen auf Teppichetagen um sie, wenige wagen sich in ihr Territorium. Mit Salz, Brot, Wein und ziemlich viel Mut könnte der alte Auftrag neu gelebt werden. Sollte jemand gehen? Etwa gar – wir?

 

 


 

Von Gemüse, Fleisch und Liebe (14. März 2015)

In diesen Tagen fallen die Plakate der drei kirchlichen Hilfswerke (Brot für alle, Fastenopfer, Partner sein) auf. Sie zeigen als Rahmen billige Importpoulets, im Zentrum die damit verbundene Wirtschaftskette vom Brandroden der Grünen Lungen über Monokulturen bis zur Angst und dem Hass in den Gesichtern der verjagten Kleinbauern. „Weniger für uns, genug für alle“ ist das übergeordnete Leitmotiv der Kampagne, „Huhn frisst Soja. Und Soja frisst Regenwald“ die Konkretisierung, und selbstverständlich ist beides politisch. Und wenn ich mich jetzt dämlich genug anstelle, bediene ich das Cliché vom linken Gutmenschen und bekomme erklärt, dass und warum die Kirchen in politischen Fragen das Maul zu halten hätten. Und die Poulets wären gegessen.

Darum verlasse ich die Politik und wende mich im Elfenbeinturm des apolitischen Stubenhockers stillvergnügt dem alttestamentlichen Buch der Sprüche, blättere ein wenig und lese (ungefähr): „Besser ein Gericht von Gemüse mit Liebe als ein gemästetes Huhn mit Hass“.

Ja, diese Alten. Was haben sie uns doch für verstaubte Bilder überlassen, die Guten! Weilten sie als Zeitreisende unter uns, würden sie rasch realisieren müssen, dass zu einer anständigen Hochzeitsfeier, dem Fest der Liebe, ein ordentliches Fleisch gehört, am liebsten saftiges Rind aus Südamerika. Und den lieben Kinderchen ist doch mit knusprigen Chicken Nuggets immer noch die grösste Freude zu bereiten, nicht?

Nur: ein bisschen kitzelt es mich natürlich schon. Was soll der alte Spruch? Ich öffne das virtuelle Fenster meines Stübchens, verbinde mich mit dem Weltnetz, erklicke einen Zufallsbaum im brasilianischen Regenwald, lade ihn zum Chatten ein. Er allerdings, eben noch stolze 65 Meter hoch und mit Tonnen von Laub geschmückt, sinkt im Inferno in sich zusammen, das ein einziges Zündholz ausgelöst hat. Sein glühender Stumpf schwankt zwischen ungläubigem Erstaunen und dunklem Hass, bevor ich seiner Asche nur noch Frieden wünschen kann. Das Zündholz seinerseits, das ich nach längerem Suchen ergoogle, ist Staub geworden wie die verbrannten Bäume, platt gewalzt von den Maschinen, die Sojapflanzenboden vorbereiten. Die Erde, die verbrannte und gepresste, stöhnt lautlos unter den Rissen einer klimagewandelten Trockenheit. Und ihr Masseur, der Regenwurm, beisst ins längst verschwundene Gras. –

Die Reise geht weiter, ich klicke mich durch vom Wurm zum Pestizid zum Schiffsdiesel zum verschissenen Gitter in den Hühnerbatterien zum blitzblanken Haken in der Schlachterei zum Bisphenol in den Quittungsrollen des Supermarkts zur Plastikfolie ums importierte Poulet bis zur Hühnerbrust auf meinem Teller.

Ende. Ich schliesse das virtuelle Fenster und will essen gehen, die Hühnerbrust, die köstliche. Eigentlich ist sie mir vertraut. Meine Grosseltern väterlicherseits waren Hühnerzüchter im Berner Oberland, und als Kind habe ich die Viecher gefüttert, ihre Ställe gemistet, Eier ausgenommen, abends mitgeholfen beim Ritual, die Hühner von ihren Weiden zurück in die Ställe zu jagen, mit besonderem Respekt vor den jungen, aufgeblasenen Hähnen. Und gelegentlich durfte ich mit beim Liefern, wo von Hand gerupfte Poulets, lebendige Hühner oder taufrische Eier ohne Aufdruck (sie wurden Trinkeier genannt) den Besitzer wechselten. So war das damals, wie heute noch bei Familie S in G und anderen.

Und dann scheppert unsere Türglocke, und vor der Tür steht Herr M aus L, bringt uns, einfach so, bodenfrische Rüebli mit Grünzeug und einen frischen Kopfsalat vorbei. – Wie war das doch, im Buch der Sprüche: Besser ein Gericht von Gemüse mit Liebe als ein gemästetes Huhn mit Hass (Spr 15,17)? Der Akzent liegt weder auf Gemüse noch auf Fleisch. Er liegt auf den Umständen, lädt ein zum genauen Hinsehen. Dazu ein Ausgehtipp: Sonntag, 15. März, 10.15 Uhr, Kirche Twann.

 


 

Über Mauern springen (9. Mai 2015)

Vor ein paar Wochen waren wir gemeinsam mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden in Berlin, der Mauerstadt schlechthin. Natürlich: Für junge Menschen ist der Eiserne Vorhang bestenfalls ein Begriff aus dem Geschichtsunterricht, meistens ein Fremdwort („vielleicht ein besonders starkes Virenschutzprogramm oder so?“). Ich realisiere daran mein Älterwerden, Altsein.

Wir waren also in Berlin. Dort besuchten wir die Friedensbibliothek / das Antikriegsmuseum, das versteckt und bescheiden im Soussol eines riesigen Häuserkomplexes ein paar Räume belegt. Unser Gastgeber, den ich vom Huetplatz in Sibiu (Rumänien) her kenne, jenem Schmelztiegel von westlichen Aussteigern und Enthusiasten, führt uns in die Museumsgeschichte ein.

Am Anfang stand der Pazifist und Anarchist Ernst Friedrich, der es 1925 riskiert hat, grosse und schreckliche Schwarzweissphotos von Kriegsversehrten des 1. Weltkriegs in sein Schaufenster zu stellen. Seinen Hauseingang schmückte er mit zwei umgedrehten Soldatenhelmen, die er zu Blumentöpfen umfunktioniert hatte – einen deutschen und einen französischen. Unzählige Male wurden diese Töpfe mit langen Stangen heruntergeholt, vorerst von Polizei und Nachtbuben, später von braunen Banden. Was die Töpfe betraf, sass er am längeren Hebel – es gab Helme genug. Der Gewalt der Nationalsozialisten hatte er dann nichts entgegenzusetzen; er floh, sein Schaufenstermuseum verschwand.

Gemeinsam mit anderen Unerschrockenen hat unser Gastgeber in den 1980er Jahren in der DDR das Antikriegsmuseum wieder eröffnet und blieb dabei dem Stil des Gründers treu: Gezeigt werden kleine und grössere Ausstellungen auf einfachen Stellwänden, mit grossen und holzschnittartigen Schwarzweissbildern, mit handgeschriebenen Texten. Den modischen Totentanz von Hochglanz und Photoshop unterquert er mit Bildern von Gesichtern, die nur vom Leben gezeichnet sind. Damit haben die Unerschrockenen gegen einen Staat gekämpft, der seine Bürger nicht nur eingeschlossen, sondern auch ggschweigget hat – mit dem drastischsten aller Mittel, der Bespitzelung und Denunziation durch nahe und nächste Menschen.

Die Mauer, die Berliner Mauer ist gefallen. Gefragt, warum sie dennoch noch dran seien, meinte der Gastgeber: Weisst du, diese äussere Mauer ist weg. Aber so lange es die inneren gibt, werden immer äussere gebaut, werden zu Todesfallen wie einst die Mauer Berlins. Wir sind noch nicht fertig mit unserer Arbeit.

Ja, so ist es. Aus Angst, Misstrauen, Kleinmut und Eigennutz heraus wachsen Mauern, Zäune, Selbstschussanlagen, Stacheldrahtverhaue, Lichtschranken, Alarmanlagen. Und das Wassergrab tut sich auf, Tag um Tag, im Meer, das gesäumt und getränkt ist von den Quellen unserer Kultur (griechische Philosophie! römische Rhetorik! jüdische Gottleidenschaft! christliche Barmherzigkeit! islamische Kunst!), im Mittelmeer, dem badestrandgesäumten, lastminute-trächtigen Paradies.

Einmal hat ein Psalmendichter gesungen: Mit meinem Gott springe ich über Mauern (Ps 18,30b). Ein Späterer, geboren zu Bethlehem und hingelyncht in Jerusalem, hat es dann nicht einfach gesungen, sondern gemacht, ja getanzt – sprang hin und zurück über Mauern zwischen Bordell und Tempel, Frommen und Frechen, Salböl und Pestbeulen, Einfältigen und Siebengescheiten, Volksgenossen und Dahergelaufenen, Korrekten und Gesindel. Faszinierend vielleicht nicht sein Standpunkt, sondern sein Handeln. Über Mauern springen – keine schlechte Idee, und ziemlich aktuell.

Ich sehe für die Menschheit, die grosse Atemgemeinschaft über allen nationalen und ethnischen Konstrukten, keine andere Lösung. Fangen wir doch mal an. Um Vorschläge wird gebeten, um Vorbilder gebetet.

 


 

 

Das gewisse Etwas (6. Juni 2015)

Vielleicht kennen und teilen Sie eine typische Erfahrung von Ferienreisenden: Damals, in jenem Weinberg, in jener Alphütte, auf jener Teeplantage, in jenem Olivenhain haben Wein, Käse, Tee und Öl ganz ausgezeichnet geschmeckt, es war eine pure Freude, von ihren Düften umhüllt und getragen zu sein, es war ein Vorschein vom Paradies auf Erden. Und jetzt, zu Hause – keine Spur mehr vom einstigen Glanz. – Wir ahnen es ja: Empfangen, geniessen, beschenkt werden ist nichts Absolutes, sondern hängt von der Umgebung ab und von unserer inneren Offenheit ab. Robert sitzt in der Abendsonne nicht nur hinterm Weinglas, sondern auch und vor allem neben Jadwiga. Im Spiegel des Teekrugs zittert das Bild des Pflückers Mahore, der mich begleitet und getränkt hat in der Hitze des Tages. Zum Alpkäse bringt Saskia ein Schwarzbrot mit, das die Erinnerung an den Holzofen und das Bersten der glühenden Buchenscheite in die Runde zaubert. Und erst Giovanni, der Heimwehsizilianer aus Orpund, verwandelt Olivenöl und simplen Salat ins mediterrane Naschwerk. Das alles passt schlecht in einen Rucksack und noch schlechter in einen Rollkoffer – da helfen alle Duty-free-Säuseleien nichts. Und Grossverteiler mit Globalsortiment sorgen zunehmend dafür, dass wir selbst beim heimischen Bezahlen keinem mehr ins Gesicht zu schauen brauchen.

Vor einigen Jahren hatte sich hierzulande eine ähnliche Geschichte zugetragen, nur gerade umgekehrt. – Immer zu Beginn des Advents pflegten die Konfirmandinnen und Konfirmanden eines Dorfes Lebkuchen zu verzieren und dann durchs Dorf zu ziehen, um sie zu verteilen. Sie besuchten Menschen, die einen Angehörigen verloren hatten, besuchten Alleinstehende, besuchten solche, die zu beissen hatten an diesem oder jenem, die einen Satz haben fallen lassen, der nach einem Lebkuchen schrie. So war es auch am ersten Adventssamstag des Jahres 1997. Die Kinder sind mit ihren Lebkuchen aus der Bäckerei XY unterwegs, die sie mit eigenen Verzierungen zu prächtigen Einzelstücken gemacht haben. Zwei von ihnen treffen auf der Gasse Herrn F und drücken ihm, dem Verdutzten, einen Lebkuchen in die Hand. Und einige Tage später bedankt sich Herr F bei der Pfarrerin und meint, dieser Lebkuchen habe ihm geschmeckt wie kein zweiter, ganz anders als die Massenware der Bäckerei XY.

Nun: der Lebkuchen war immer nach demselben Rezept gebacken, jahraus, jahrein. Herr F hat zweimal von denselben Lebkuchen gegessen. Die Veränderung seiner Wahrnehmung wuchs von innen her. Sein Aufblühen war keine Sache der Rezeptur und auch nicht der gewiss originellen Verzierung. Geändert hat sich nur das gewisse Etwas. Der Sinnstifter aus Nazareth hat vermutlich einmal in eine kleine Rede verpackt, was damit gemeint sein könnte. Du, sagte er zu einer Handvoll Menschen bei ihm, Du bist das Salz der Welt und Du auch und Du auch (Mt 5,13). Salz also, Salz als das gewisse Etwas? Keineswegs. Der Ton liegt nicht auf dem Salz, der Ton liegt auf dem Du. Wenn Du gibst, dann verschenkt Dich mit, und dann wachsen aus Betonwüsten Blumen, verwandeln sich Mauern in Brot und Tränen in Wein und XY-Lebkuchen in Wunder.

Das tönt simpel, vielleicht sogar niedlich. Dann lassen Sie sich von Ihm nicht irritieren, kehren Sie einfach zurück in die Welt des optimierten Konsums und der phantastischen Schnäppchen und der zerworbenen Emotionen und Kicks und Individualismen via Plakatwände und Pop-up-Werbung. Sie werden dort nie allein sein. Höchstens vielleicht ein wenig einsam.

 


 

 

Vermessene Menschen (4. Juli 2015)

Auf Maskenbuch hat die jüngere Tochter die Nase vorn – dank der Austauschschülerin aus Taiwan verfügt sie derzeit über 328 (nein, 329 sind es!) Freunde, Tendenz steigend. Darüber rümpft Brüderchen die Nase – ihm sind die Werte seines Activity Trackers am linken Handgelenk wichtiger (dank eines Drei-Achsen-Beschleunigungssensors werden Bewegungen gemessen; diese Werte kann man online mit anderen Nutzern vergleichen; es sieht gut aus für ihn, sehr gut). Mit langem Atem ist auch Mama unterwegs, die mit Power-Shopping Kundenpunkte aller Art in die Höhe treibt und Männchen beiläufig wissen lässt, dass ein nächstes Diner mindestens in einem 14 Gault Millau-Punkte-Schuppen stattzufinden hat, Nachbars waren kürzlich in einem Dreizehner-Etablissement und schlagen seither Schaum wie eine Tüte Mücken. Papa murmelt etwas in seine Schwarzbeere, derweil er mit ausgewählten Freunden eine gezinkte Golfrunde zwecks Hebung seines Handicaps von 34,4 auf 33,9 dreht. Ganz wohl ist ihm ja nicht. Obwohl er kürzlich den Sprung in den Kreis der Universal-Power-Top-Sellers eines Verkaufsportals geschafft hat, lassen die stagnierenden Märkte seine Contract for Difference-Aktionen ins Leere laufen. Die ältere Tochter jubelt online in der Welt herum, seit beinahe zwei Minuten weiss sie, dass sie die Top Ten der Lehrabschlüsse ihrer Firma nur um drei Zehntel verpasst hat. Und die Hoffnung der ganzen Familie richtet sich auf Pippo von Katsudon, den kreuzstachligen Robinsonfloh, der irrtümlicherweise von den letzten Last-Minute-Schnäppchen-Ferien in den Antillen mitgereist ist und nun den Zirkustierwettbewerb von Stäfa und Umgebung in der Kategorie Open gewinnen soll – mit zahlreichen Likes wäre zu rechnen.

Vermessene Menschen, zumal sie auch mit ihren Elo- und FIS-Punkte, dem aktuellen Transferwert, dem IQ und dem BMI hausieren würden, sofern vorhanden und schmeichelhaft. Vermessene Menschen. – Aber keine Bange, das alles ist nicht neu! Als einmal ein Halbzutodegeschlagener zwischen Jerusalem und Jericho auf der Strecke blieb, waren auch fast nur vermessene Menschen unterwegs. Keiner blieb stehen. Der eine war rund vierzehn Meter Bücherregale klug; hätte er angehalten, hätte er sein geistiges Potential nicht genutzt. Der andere mochte sich die gefalteten Gebetshände nicht dreckig machen; er hätte mit langatmigen rituellen Waschungen fürs Handanlegen büssen müssen, was ihn wiederum daran gehindert hätte, für den fast sicheren Logenplatz im Jenseits weiter zu chäären und beten und zu singsangen. Da war nur einer, der nicht am Rechnen war. Er hat beim Halbzutodegeschlagenen angehalten und ist mit ihm lebenswärts gezogen, alleine auf weiter Flur (Details bei Lukas 10,30ff). Sein Smartvote-Profil? Keine Ahnung. Seine Herkunft? Ausländer. Seine Bonität? Zwei Denare, allenfalls drei. Aber er hat ein paar wirklich gute Freundinnen und Freunde gewonnen zu Lebzeiten und seither.

 

 

 


 

 

Die Landkarte Gottes (5. September 2015)

Ein grosser König baute einst eine prächtige Stadt – jene Stadt, die ohne Grenzen und Stacheldraht auskommt, die ihre Tore auch des Nachts nicht schliessen muss und die keinen Tempel braucht, weil sie selber Tempel der Freiheit und der Gemeinschaft ist. Seinen Sohn, einen klaren und einfachen und unbeirrbaren Menschen, schickte er aus, von dieser Stadt zu berichten. Das tat er – in ganz einfachen Bildern. „Das Reich meines Vaters ist wie …“ – und dann eben: wie eine Tischgemeinschaft, an der auch und gerade die Ausgestossenen, Vertriebenen Platz finden; wie eine Lebensgemeinschaft, in welcher der Verirrte in besonderer Weise gesucht, gefunden und gefeiert wird; wie ein Baum, dessen lebenserhaltender Schatten allen gehört.

Mit diesen Bildern, mit dieser Landkarte in den Händen wurde es den Menschen warm ums Herz. Sie verstanden, dass die prächtige Stadt ein Ort war, an dem die Menschen, einsam und gemeinsam, aufatmen können und Tränenströme versiegen. Und darum beschlossen sie, sich dorthin auf den Weg zu machen. Sie hatten dafür ja eine Karte zur Hand, sie wussten, wo Hindernisse und Schwierigkeiten auftauchen würden, wussten, dass es mühsame Steigungen und zeitraubende Umwege zu bewältigen gab.

Allerdings – die Reise schien den meisten auch eine überaus anstrengende Sache zu sein. Deshalb wählten sie sich sicherheitshalber tapfere und entschlossene Menschen aus, welche die Karte besonders intensiv studieren und dann als verlässliche Reiseleiter taugen sollten. Das taten die Erwählten: Sie studierten, diskutierten, erwogen, schlugen vor, verwarfen, was zu tun sei. Sie liessen prächtige Häuser bauen, in denen sie die Menschen über die Reise orientierten, Woche um Woche. Besonders herzliche Menschen schufen Reiselieder, die sie dann miteinander singen konnten an den Zusammenkünften zur Reisevorbereitung.

Doch mit der Zeit vergassen die Menschen das Ziel und beschränkten sich darauf, sich regelmässig oder auch nur gelegentlich über die Reise orientieren zu lassen. Die Zusammenkünfte traten an die Stelle der eigentlichen Reise. Dafür wurde ihnen die Verwaltung und Sicherung des eigenen Reichs immer wichtiger. Erbittert und bissig wurde darum gerungen, wer hier das Sagen haben soll, wessen Bilder Realität werden sollten da, wo die Landkarten des Königs und dessen Stadt ohne Tränen langsam in Vergessenheit gerieten. Und Stacheldrähte wurden ausgerollt und verbale Landminen wurden gesetzt und unglaublich doofe Tweets wurden abgesetzt und Tore wurden verschlossen und vertriebene Menschen ohne Brot und mit Tränen in den Augen blieben draussen vor der Tür. –

Kürzlich aber schlug ein junger angehender Reiseführer zur Stadt des Königs im Versammlungshaus zu Ligerz vor, die so gut vorbereitete Reise zum König nun anzutreten. Und er entfaltete die Landkarte und teilte mit den Menschen, was ein erster Schritt sein könnte. Er ist beschrieben im Hebräerbrief, Kapitel 13, in den Versen 1 bis 3.

 

 

 


 

 

 

 

 

 


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